Einem Missbrauchstäter zuhören, seine Sichtweisen ertragen, Motivationen gar nachempfinden: das will Lucas Rijnevelds Roman Das kleine Prachttier. Auch als stark gekürzte Bühnenversion an den Kammerspielen ist das eine intensive Herausforderung.
Kulturjournalist Peter Eidenberger hat die Premiere gesehen:
Das Unsagbare aussprechen: der Pelicot-Satz „Die Scham muss die Seite wechseln“ steht über dem Abend. Lucas Rijnevelds Roman von 2021 ist ein Brief aus dem Gefängnis. Selbstbezichtigung und Erklärversuch eines Missbrauchtäters, Kurt, 49, Tierarzt. Mein kleines Prachttier ist sein jugendliches Opfers, 14 Jahre, ein Mädchen ohne Namen. Die 364 Seiten im Buch sind in Leonie Böhms Inszenierung eine 60 Minuten kurze Annäherung ohne große theatrale Mittel.
Auf der Bühne ein Riesengeweih, zwei Schauspielerinnen, Freizeitdress, rotes T-Shirt, kurze Jeans, die junge, kindlichere Maren Solty, die ältere Annette Paulmann – große und kleine Schwester? Nein, beide behaupten, Kurt zu sein, spielen ihn aber nicht, sie teilen sich sein Erzählen. Frontal zum Publikum, klar, nachdrücklich, mitunter irritierend leicht: von Bewunderung, Geilheit, Prägung, vom Gericht. Ungeheuerliches, Unerträgliches, die Popkultur schafft Durchatmen, Freiraum: toben und brüllen zu Bonnie Tyler und Kate Bush. Das ist tief bewegend, aufrüttelnd, schmerzhaft – die atemlose, fast satzzeichenlose Wucht des Romans aber fehlt.
Schauspielerinnen
Annette Paulmann
Maren Solty
Regie
Leonie Böhm
Münchner Kammerspiele Schauspielhaus
Maximilianstraße 26-28
80539 München
Mi, 01. Jul 2026, 20.00 Uhr
Thea-Tickets ausverkauft
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Ticket inkl. MVV-Nutzung
mit englischen Übertiteln
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