Der Besuch der alten Dame, Gärtnerplatztheater München

Oper/OperetteKlassiker

Der Besuch der alten Dame

Regisseur Nikolaus Habjan inszeniert Dürrenmatts Klassiker am Gärtnerplatz neu

Wer ist hier Opfer, wer ist Täter? In diesem grotesken Opern-Krimi von Friedrich Dürrenmatt um eine verstoßene schwangere Frau, die nach Jahrzehnten Rache nehmen will, muss das Publikum die Schuldfrage selbst beantworten. Regisseur und Puppenspiel-Meister Nikolaus Habjan schickt Claire Zachanassian als Doppelrolle – einmal Puppe, einmal echte Frau – ins Rennen.

Premierenkritik: Der Besuch der alten Dame am Gärtnerplatztheater

Vor vielen Jahren wurde Klara Wäscher aus der Kleinstadt Güllen vertrieben, weil der junge Kaufmann Ill nicht zu ihr und dem ungeborenen Kind stehen wollte. Klara landete im Bordell – und wurde zur sehr reichen Claire Zachanassian. Nun kehrt sie zurück nach Güllen und will Rache: Den Tod von Ill für die Summe von einer Milliarde. Erst lehnen die Kleinbürger ab, doch nach und nach wird die Geldgier immer größer …

Spannend zu sehen, was Regisseur Nikolaus Habjan aus Friedrich Dürrenmatts Stoff macht. Die von Gottfried von Einem komponierte Oper ergänzt Habjan in der Besetzung um zwei Puppen: die alte Claire Zachanassian und ihren schwarzen Panther. Mezzosopranistin Sophie Rennert singt die Rolle der Claire, schlüpft aber auf der Bühne oft in die Rolle der jungen Klara. Was besonders gut passt, wenn Ill, gesungen von Bariton Ludwig Mittelhammer, stimmlich auch als junger Mann durchgeht und die beiden in alten Erinnerungen ihrer Liebe schwelgen. Da Claire nach einem Unfall fast nur noch aus Prothesen besteht, lag die Idee einer Puppe nah. Auffällig geschminkt und mit roten Haaren stellt sie deine groteske Überzeichnung ihrer selbst dar: nicht mehr menschlich, sondern getrieben von unsagbaren Rachegelüsten.

Ein unmoralisches Angebot

Der dritte Hauptcharakter neben Claire/Klara und Ill, ist die graue Stadt Güllen mit all ihren Bewohner*innen. Diese ziehen im Verlauf des Stücks immer mehr rote Kleidung an. Ein Hinweis darauf, dass sie sich langsam auf Claires Angebot einlassen und Ills Blut an ihren Händen kleben wird.

Fazit: Eine moderne Oper, die ohne beschönigende Belcanto-Phrasen auskommt und stattdessen den Abgrund der menschlichen Seele in ihrer Musik spiegelt. Fantastisch gesungen von Sophie Rennert und durch die Doppelrollen-Idee mit der Puppe eine spannende Inszenierung von Regisseur Nikolaus Habjan.

Musik
Gottfried von Einem

Libretto
Friedrich Dürrenmatt

Musikalische Leitung

Michael Balke

Regie & Puppendesign
Nikolaus Habjan

Sänger*innen
Sophie Rennert, Tobias Giesecke, Norbert Ernst, Dieter Fernengel, Niv Beili, Christoph Mack, Caspar Krieger, Juan Carlos Falcón, Ludwig Mittelhammer, Frances Lucey, Anna-Katharina Tonauer, Gyula Rab, Wolfgang Ablinger-Sperrhacke, u. a.

Zur Stückbeschreibung des Gärtnerplatztheaters

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